Zeilensport: das Phlegma und der Hitzkopf (Updt)

Siehe ganz unten für ein Update bzgl. des Matthias Sammer-Interviews

Phlegma

Einer der absoluten Topspieler und Topverdiener im US-Baseball ist Alex Rodriguez, aktuell bei den NY Yankees angestellt. “A-Rod” hat alles um Darling der Fans und der Medien zu werden. Er ist ein guter Spieler, er sieht gut aus und bei den Yankees hat er eine Blaupause was man mit solchen Attributen machen kann: Derek Jeter, jahrelang begehrtester Junggeselle New Yorks, solider bis exzellenter Batter und einer der besten Short Stops der Liga.

Diese Saison hat aber deutlich gemacht, was Rodriguez fehlt und warum er allenfalls per Gehaltsliste ein Superstar sein wird, aber keiner der wirklich geachtet wird. In diesem Sommer fiel er in ein Formtief ohnesgleichen, schlug mehr warme Sommerluft als Bälle und leistete sich an der Third Base viele Fehler in der Verteidigung. Einem Jeter wird dies verziehen, ein A-Rod muss durch die Yankee-Fan-Hölle gehen.

A-Rods Probleme lässt sich auf eine Charaktereigenschaft reduzieren: seinem Phlegma. Sein Phlegma in der laufenden Saison seine Formkrise zu bekämpfen, sein Phlegma im Verhalten gegenüber Mit- und Gegenspieler und sein Phlegma bei großen Spielen. Nicht umsonst gilt A-Rod als jemand der pünktlich zur Postseason sich Nichts auflöst.

Tom Verducci hat sich nun in einem längeren Artikel bei Sports Illustrated mit Alex Rodriguez befasst. Er zeichnet ein Portrait von A-Rod und seinem Verhältnis zu dem Umfeld, denn dieses Jahr ist etwas anders: seine Formkrise erwischt ihn mitten im Scheinwerferlicht der populärsten Baseball-Franchise.

For 11 summers Rodriguez had been the master of self-sufficiency, a baseball Narcissus who found pride and comfort gazing upon the reflection of his beautiful statistics. His game, like his appearance, was wrinkle-free. Indeed, in December 2003, when the Red Sox were frantically trying to acquire Rodriguez from the Texas Rangers, several Boston executives called on Rodriguez in his New York hotel suite after 1 a.m. Rodriguez answered the door in a perfectly pressed suit, tie knotted tight to his stiff collar. The Red Sox officials found such polished attire at such a late hour odd, even unsettling.

But then Rodriguez has long been the major league equivalent of the prettiest girl in high school who also gets straight A’s, which is to say he is viewed with equal parts admiration and resentment. The A-Rod of 2006 was different, though — unhinged and, in a baseball sense, unkempt […]

Torre’s trademark placidity ended, though, when Giambi asked to talk to Torre in Seattle. “Skip,” Giambi told Torre, “it’s time to stop coddling him.” […] Giambi’s gripe about Rodriguez sounded an alarm with Torre.

“What Jason said made me realize that I had to go at it a different way,” Torre says. “When the rest of the team starts noticing things, you have to get it fixed. That’s my job. I like to give individuals what I believe is the room they need, but when I sense that other people are affected, teamwise, I have to find a solution to it.”

The players’ confidence in Rodriguez was eroding as they sensed that he did not understand how much his on-field struggles were hurting the club. Said one Yankees veteran, “It was always about the numbers in [Seattle and Texas] for him. And that doesn’t matter here. Winning is all you’re judged on here.”

Before Giambi went to Torre, he had scolded Rodriguez after a 13-5 win in Boston on Aug. 19. Irked that Rodriguez left four runners on base in the first three innings against a shaky Josh Beckett, Giambi thought A-Rod needed to be challenged. “We’re all rooting for you and we’re behind you 100 percent,” Giambi recalls telling Rodriguez, “but you’ve got to get the big hit.”

“What do you mean?” was Rodriguez’s response, according to Giambi. “I’ve had five hits in Boston.”

“You f—— call those hits?” Giambi said. “You had two f—— dinkers to rightfield and a ball that bounced over the third baseman! Look at how many pitches you missed!

“When you hit three, four or five [in the order], you have to get the big hits, especially if they’re going to walk Bobby [Abreu] and me. I’ll help you out until you get going. I’ll look to drive in runs when they pitch around me, go after that 3-and-1 pitch that might be a ball. But if they’re going to walk Bobby and me, you’re going to have to be the guy.”

(Asked about Giambi’s pep talk, Rodriguez said he could not remember what was discussed, though he added, “I’m sure we had a conversation.”)

Feuer

Die Entlassung von Matthias Sammer bei Borussia Dortmund und später beim VfB Stuttgart waren desaster waiting to happen. Schnell war zu erkennen, wie sehr der Charakter Sammers immer mehr gegen die Mannschaft arbeitete. Matthias Sammer ist zwar ein glänzender Analytiker, aber gleichzeitig auch ein Sturkopf, der sich von alleine immer mehr in eine Ecke drängte, aus der er nicht mehr rauskam. Ein Sammer wäre kein Sammer mehr, wenn er nicht an seiner Linie festhalten würde. Erhobenen Hauptes gen eigenen Untergang. Auf seinem Grabstein wird vermutlich einmal geschrieben stehen: “Konsequent bis in den Tod”

Die Entlassung beim VfB Stuttgart bedeutete für Matthias Sammer erst einmal ein überraschendes Ende. In allen Interviews im Sommer und Herbst 2005 war deutlich zu merken, dass Sammer spürte, dass er Teil der Probleme in Dortmund und Stuttgart war und schien so etwas wie Selbstfindung zu versuchen. Beispielhaft ein Interview aus dem Oktober 2005:

2006 möchte ich mich neu aufstellen […]

Zoff ist eine Grundlage für Leistung. Um nun daran zu arbeiten, habe ich mich jedoch hinterher gefragt: Warst du zu verbissen? Sehe ich heute Interviews mit mir nach Spielen, fehlte da eine gewisse Lockerheit. Die muss ich erlernen und insgesamt an meinem Bild arbeiten. […]

Ich habe einen Privat-Lehrer. Für mein Persönlichkeitsbild. Ich muss menschliche Seiten zeigen, die vorhanden sind bei mir, wenn auch nicht nach Spielen. Und ich reflektiere inhaltliche Fragen mit einem persönlichen Coach.

Selbstreflektion ist nichts schlechtes. Matthias Sammer kam alsbald zum Fußball zurück. Aber wie es geschah, ließ nichts gutes ahnen: nämlich als fleischgewordener Gegenentwurf von Klinsmann/Bierhoff-Opponenten beim DFB ins Amt des Sportdirektor gehievt worden.

Was ist aus Sammer 2.0 geworden?

All das Gehuddel um die Inthronierung als Sportdirektor und der Verärgerung bei Klinsmann/Bierhoff/Löw ließ sich von außen schwer beurteilen. Ist wirklich Verärgerung da oder wird da von Medien wieder etwas hochgejazzt? Hat sich Sammer geläutert? Ist er vielleicht wirklich zu einem Mann mit Visionen für den DFB geworden?

Jan Christian Müller(*) hat Matthias Sammer für die Samstags-Ausgabe der FR interviewt. Sammer 2.0? Forget it.

Da haben wir ihn wieder, den alten Sammer: einerseits hochbegabter Analytiker …

Ich habe einen vierjährigen und einen elfjährigen Sohn und eine 15-jährige Tochter. Ich erkenne da viel bei meinen Kindern, das ich für meine Arbeit gebrauchen kann […]

Neulich habe ich den Vierjährigen gebeten, mal auf einem Bein zu springen. Er hat mir das auf seinem rechten Bein vorgemacht. Hat super geklappt. Ich habe ihn dann gefragt, ob er es mit dem linken Bein genauso gut kann. Zweimal hat er es geschafft. Zweimal! Ich habe ihm dann gesagt, er soll mal rückwärts laufen. Er ist Schlangenlinien gelaufen und hingefallen. […]

Ich frage mich: Wer vermittelt den Kleinen Dinge, die wichtig sind – auch für später? Warum entstehen bei den Profis so viele Verletzungen? Warum hat sich für unsere Kleinen gesellschaftlich so viel verändert?

… einer der gegen den Strich bürstet …

Ich sehe [im holländischen] System aber auch Gefahren: Ist es richtig, einen 16-Jährigen, wie es im niederländischen Fußball gemacht wird, in ein festes Schema reinzupressen, und ihm damit eine positionsbezogene Blindheit aufzuzwingen? Ich meine, es ist absolut falsch, Kinder heute schon in Schemata reinzupressen in ihrer individuellen Entwicklung. Grundordnungen für Mannschaften sind wichtig, ich warne aber vor einer zu frühen Spezialisierung.

FR: Die Holländer lassen ihre Mannschaften von der U 15 bis zur A-Nationalmannschaft konsequent 4-3-3 spielen, so dass jeder Spieler genau weiß, was er zu tun hat.

Sammer: Sie sind aber außer 1988 nie vor den Deutschen angekommen! Das ist jetzt kein gutes Argument von mir. Das ist populistischer Käse. Respekt, wie die Laufwege der Holländer funktionieren. Aber wo finden sie Lösungen, wenn es eng wird? Dann stoßen sie regelmäßig brutal an ihre Grenzen.

Aber wie kann jemand derart Intelligentes immer wieder derart “brutal an seine Grenzen” stoßen, wenn es darum geht, die Wirkung seiner Außendarstellung einzuschätzen? Das gesamte Schlußdrittel des Interviews liest sich wie der alte Sammer, der stolz in den Krieg zieht.

FR: Warum hat man dann aber den Eindruck, die Kommunikation zwischen Ihnen und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff sei gestört?

Sammer: Da wurde aus gewissen Nuancen sehr viel interpretiert und sehr viel breit getreten. Alles Kleinigkeiten. Fakt ist: Der DFB ist 106 Jahre alt und hatte noch nie einen Sportdirektor. Es ist für alle Beteiligten natürlich ein Umgewöhnungsprozess, dass da jetzt ein Stratege im Haus ist. Wenn wir einen Strich drunter machen und uns fragen: ,Wo liegen die Probleme miteinander?’, dann wird man unter diesem Strich nicht viel erkennen.

FR: Und dennoch überwiegt ganz stark der Eindruck, dass es persönliche Differenzen zwischen Ihnen und Oliver Bierhoff gibt, mit Jürgen Klinsmann sowieso. Klären Sie uns auf: Wie war das Verhältnis unter den Mitspielern Bierhoff, Klinsmann, Sammer 1996, wie ist es heute?

Sammer: Haben Sie von mir schon mal was gehört in letzter Zeit?

FR: Nein, Sie haben sich offenbar immer auf die Zunge gebissen.

Sammer: Wie auch immer. Ich möchte Ihnen nur die Antwort geben: Ich weiß eigentlich gar nicht und frage mich, was ich erzählen soll über Dinge, zu denen ich mich nie geäußert habe […]

FR: In der Öffentlichkeit ist aber angekommen: Es gibt ein Problem zwischen Sammer und Bierhoff.

Sammer: Ich bitte Sie zu differenzieren. Ich habe mich zu der Thematik nicht geäußert und werde es auch nicht tun. Über die Tiefsinnigkeit gewisser Aussagen will ich mir auch nicht so viele Gedanken machen.

FR: Sie und Oliver Bierhoff wohnen beide im Großraum München. Sind Sie optimistisch, dass Sie nunmehr für weniger Missverständnisse untereinander sorgen können?

Sammer: Ich möchte Ihnen noch einmal eindringlich sagen: Von mir ist nicht ein einziges Missverständnis in der Öffentlichkeit dargestellt worden.

FR: Aber von Oliver Bierhoff. Deshalb fragen wir bei Ihnen jetzt nach.

Sammer: Ich halte mich öffentlich zurück. Wenn das ein oder andere von anderer Seite diskutiert wird, ist das in Ordnung. Aber die Aufgabenbereiche sind doch völlig klar. Oliver Bierhoff ist der Manager der Nationalmannschaft und organisatorisch verantwortlich für die U 21. Aber alles weitere liegt sportlich in meinem Bereich. Wir können über Inhalte diskutieren. Aber es gibt auch gewisse Dinge, darüber wird nicht diskutiert, weil es klare Zuständigkeiten gibt.

Es fehlt eigentlich nur noch, dass Matthias Sammer in Bierhoffs Vorgarten uriniert, um die Konfrontation komplett zu machen.

Um noch einmal aus dem KICKER-Interview des letzten Oktobers zu zitieren: “Zoff ist eine Grundlage für Leistung. Um nun daran zu arbeiten, habe ich mich jedoch hinterher gefragt: Warst du zu verbissen? Sehe ich heute Interviews mit mir nach Spielen, fehlte da eine gewisse Lockerheit. Die muss ich erlernen und insgesamt an meinem Bild arbeiten.

Sammer hat sich nicht verändert. Mit ein, zwei lässig dahingeschleimten Sätzen und einem charmanten Lächeln für die FR-Sekretärin, wenn sie Kaffee und einen Teller Bahlsen Finesse-Kekse reinbringt, hätte man den Deckel auf das Faß Bierhoff zu machen können und man hätte Ruhe im Karton um Konzepte und Strukturen zu erarbeiten. Stattdessen betreibt Sammer Diplomatie mit der Streitaxt.

Und auf ein Wort: ist der Posten eines “DFB-Sportdirektors” mit all seinen Implikationen bzgl. Personalmanagement und Außendarstellung, wirklich ein Posten auf denen man so einen Matthias Sammer sitzen sehen will? Mein Tipp: diese Konstellation Sammer-Bierhoff-Löw wird es im Herbst 2008 so nicht mehr geben. Mal sehen wer zuerst aufgibt.

Nachtrag

Das Interview wurde in der Frankfurter Rundschau gedruckt. Die Fragen stellte Jan Christian Müller.

Das Interview wurde in der Süddeutschen abgedruckt. Dort stellt Phillip Selldorf die Fragen. Die gleichen Fragen.

Ich kann es ja nachvollziehen, wenn mehrere Zeitungen auf einen Schlag an einem Roundtable empfangen werden und für mehrere Zeitungen gleichzeitig Interviews gegeben werden. Aber ich empfinde es als Betrug am Leser, dies nicht transparent darzustellen. Das Interview führte eben nicht nur Herr Müller oder nicht nur Herr Selldorf, sondern beide gemeinsam (oder wer sonst noch mit dabei war). Man sollte meinen, das es soviel journalistischen Berufsethos gibt, dass die Leistung der anderen am Roundtable geachtet wird und deren Namen ebenfalls erwähnt werden, selbst wenn sie bei der Konkurrenz sind.

Reaktionen

  1. Wo kann man Kommentare eingeben?

    Nach elf Jahren habe ich die Kommentare im Blog mangels Zeit für Kommentarverwaltung geschlossen. Es kann noch kommentiert werden. Es ist aber etwas umständlicher geworden.

    1. Das Kommentarblog http://allesausseraas.de/, aufgezogen von den Lesern @sternburgexport und @jimmi2times
    2. Sogenannte „Webmentions“ mit einem eigenen Blog. Siehe IndieWebCamp
  2. In dem Zusammenhang stellt sich mir auch die Frage. Was soll jetzt eigentlich noch ein Peters im Team, wenn auch nur als Berater? Haben die DfB Verantwortlichen jetzt schon die Hosen voll, dass das Konzept von Sammer so scheisse ist, dass ein Peters dran feilen soll? Dann hätte man ihn doch gleich nehmen sollen. Und wenn er dann als Berater tätig werden sollte, dann kann ich dir schon jetzt deine Frage beantworten. “Mal sehen wer zuerst aufgibt”: Sammer – und Berti wird nicht sein Nachfolger….!

  3. Gerüchteweise war Sammer derjenige, der nach dem gewonnen EM-Finale 1996 nicht mit der Mannschaft im Stadion feierte, sondern in die Kabine schlich. Ebenso liest man über ihn im hanuta-Sammelalbum von – ich glaube 1996 – , dass sein Lieblingssänger “Heino” ist. Zum Lachen in den Keller, aber Deutschland hat nun mal schöne Landschaften. Das war immer so, das wird immer so sein.

    Ich war äußerst überrascht, als ich damals seine Aussage bezüglich des persönlichen Coachs las, mit dem er an seiner Bärbeißigkeit arbeiten wollte. Ich war fast geneigt, zu denken: Dieser Mann ist so sehr Profi, dass er sogar um des Erfolges willen eine Leichtigkeit erlernt, die eigentlich nicht Bestandteil seines Wesens ist.

    Aber, ach, alles vergebens. Der persönliche Coach wahrscheinlich schon lange gefeuert (“Er versuchte, in meine persönlichen Kompetenzen hineinzureden.”), der Sammer himself nicht geläutert noch gelockert. Es ist ein Kreuz mit diesem Herrn, der auch noch nach der WM forderte, man müsse sich im Fußball auf “deutsche Tugenden” zurückbesinnen. Ja, hat der Mann denn gar keine Phantasie, kein bißchen Risikobereitschaft oder Reaktionsfähigkeit?

    Was auf dem Spielfeld sicher gut ist, um auch noch den letzten Ball im Zweikampf zu gewinnen, diese Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit, ist auf dem Posten des Sportdirektors sicher vollkommen fehl am Platze.

    Schade, dass man im DFB trotz Zwanziger immer noch nicht den Mut hat, den deutschen Fußball vorwärts zu bringen, anstatt ihn zu konservieren.

    Sammers teilweise an Peinlichkeit grenzendes Auftreten ist nur eine schlechte Metapher für die Verbortheit des ganzen Herren-Gesangsvereins. Tragisch, dass ich Fußballfan bin und mich von so einem Verband repräsentiert sehen muss, der lieber in die Vergangenheit investiert als in die Zukunft. Sammers Auftreten wäre ja egal, wenn er denn fachlich nach vorne blicken würde. Aber davon keine Spur.

  4. Sammers großes Problem dürfte seine späte Geburt sein. Schon als Spieler war er m.E. der beste Libero der Fussballgeschichte – nur daß der Beruf des Liberos damals bereits abgeschafft war (d.h. in Deutschland setzte sich gerade die Erkenntnis durch). Eine ähnliche Tragik dürfte jetzt seinem Wunsch, Fussballtrainer zu werden, innewohnen: zu Zeiten, als Menschen wie Weisweiler oder Lattek erfolgreich waren, wäre er mit seiner Art evtl. gar nicht negativ aufgefallen.