Screensport 2015 – die neuen Player (1)

Als eine Art Jahresabschlussbilanz und Ausblick 2015/2016 habe ich mit RealityCheck über mehrere Tage mit Google Docs ein Gespräch über die (elektronischen) Sportmedien 2015 geführt.

Da es ein sehr langes Gespräch wurde, werde ich es bis Mittwoch in drei Teilen veröffentlichen. Heute mit dem Schwerpunkt des neuen Players „Perform“, der die deutsche Szene seit dem Sommer aufmischt – zuletzt mit dem Erwerb der Premier League-Medienrechte ab Sommer 2016.

Morgen geht es dann vorzugsweise um SKY und übermorgen um die anderen kleinen Player, in einem Jahr, in der in der deutschen Medienlandschaft kein Stein auf den anderen bleiben wird.

RealityCheck (Twitter: @RC_KH) ist seit langer Zeit Leser von allesaussersport, kann sich noch an die Zeit erinnern, als es hier noch Kommentare gab, und ein sehr feiner Beobachter der hiesigen Sportmedienlandschaft – inklusive eines Blickes über den deutschen Tellerrand hinaus, nach Großbritannien und den USA. Er betreibt auch das Blog sportmedienblog.de

Frage: Wie siehst du die Chancen von Perform mit der OTT-Plattform erfolgreich zu sein?
Was muss Perform machen, damit die OTT-Plattform zum Erfolg wird?
Zunächst einmal müssten wir uns auf eine Definition von “erfolgreich” einigen. Erfolgreich im Sinne von rentabel? Dann würde meine Einschätzung gen Null gehen.

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, die man hört (Rechtekosten zwischen 40–50 Mio Euro per Annum), ist das nicht mit einem reinen OTT-Angebot ohne substantielle Sublizenzierung oder gar einen eigenen Pay-Channel zu refinanzieren. Sky scheidet als Sublizenznehmer meiner Meinung nach aus, da man für Perform nicht noch mehr den Steigbügelhalter spielen will als bisher. Blieben Constantin und Sportdigital, die aber aufgrund der bereits bestehenden Geschäftsbeziehung ganz klare Optionen sind (wenn Perform denn Sublizenzieren will). Angeblich soll im Vertrag der Premier League eine TV-Auswertung festgeschrieben sein. Dies würde die Sublizenzierung zumindest eines bestimmten Anteils der Spiele erzwingen. Und was die monetäre Situation angeht, käme dafür dann eigentlich nur SPORT1 oder vielleicht sogar Eurosport in Frage.

Interessant wird sein, in welchem Umfang Perform sein Produkt dann im Sommer aufstellt und in den Markt schickt. Absolut zwingend sind für mich funktionierende, einfach zu bedienende Apps auf allen gängigen Plattformen. Absolutes Minimum sind iOS, Samsung SmartTVs und Android (hier insbesondere die Amazon-Geräte). Wichtig ist, das Programm ab Day 1 in HD auf die Fernseher zu bringen.

Wichtig ist auch Umfang der Streams (Vorberichte? Alle Spiele live? Redaktionell aufbereitete Highlightsendungen?) und das Preismodell. Von Netflix lernen heißt hier siegen lernen. Das Preismodell darf nicht zu komplex werden, also keine zersplitterte Paketierung. 10 Euro für alles etwa wäre ein Wort. Und wenn man dann z.B. alle Premier League Spiele live bietet, wäre das ein Angebot, wo man ohne weiteres mit einer niedrigen sechsstelligen Abozahl binnen kurzer Zeit rechnen kann.

Sehe ich ähnlich. Den Erfolg würde ich für die nächsten drei bis vier Jahre nicht an schwarzen Zahlen messen, sondern an “Relevanz”, ausgedrückt in einer hohen Abonnentenzahl (massiv in dem sechsstelligen Bereich) und an Buzz, den man in der Zielgruppe erzeugt. Perform wird ein neues Produkt auf den Markt bringen. Dieses Produkt hat einen Schuss frei, damit die Marke nicht verbrannt wird. Es muss auf vielen Devices zur Verfügung stehen. Es muss technisch sauber stehen. Es muss als Marke funktionieren und damit mehr anbieten als nur Stream-Start um 18h25 und Stream-Ende um 20h20.

Was diese Perspektiven angeht, sind meine Gefühle gemischt. Perform hat quer über alle Plattformen und Beteiligungen die sie haben, das technische und redaktionelle Know-How, um so etwas aufzuziehen. Sie haben, nach dem sie mit dem Rechteeinkauf schon im Sommer 2015 begannen, eine ausreichende Vorlaufzeit für Planung und Entwicklung (kolportierter Start der OTT-Plattform: August 2016).

Meine Erfahrung lehrt aber, dass Medienkonzerne mit dieser Ausgangslage besonders anfällig für “Fumbles” und “Interceptions” sind. Deswegen bleibt große Skepsis bei mir.

Die Sublizenzierungsfrage ist eine spannende. Bzgl. der Premier League soll bei der Ausschreibung der Ausdruck “Linear Broadcast” gefallen sein – was IMHO nicht zwingend TV heißt. Schaun’mer mal.

Sublizenzierung wäre ein Move a.) zur Refinanzierung des Rechtepakets, b.) um ein größeres Publikum zu erreichen, das man mit expliziten Programmhinweisen auf dem TV-Sender dann für sich anfixen und für seine OTT-Plattform abgreifen kann.

Das hört sich auf dem Papier sinnvoll an, aber ich bin mir nicht sicher, ob hier die Größenordnungen es hergeben. Ich würde von Perform erwarten, dass sie dieses Projekt im vollen Bewusstsein angehen, dass sie die ersten drei – vier Jahre massiv rote Zahlen schreiben, um Reichweite zu erlangen. Auf Exklusivität zu verzichten, um statt 40 Mio Euro Minus, 36 Mio Minus zu schreiben? Hmmm.

Was b.) angeht, Zuschauer im TV abgreifen, um sie auf die eigene Plattform zu bringen: der Mechanismus wird überraschend selten angewendet und ich wäre mir nicht sicher, ob die Reichweite z.B. bei SPORT1+ für ein Serie A-Spiel um 12h30 Perform substantiell viele Abonnenten zuschieben würde.

Ich halte Sublizenzierung in Performs Fall nicht für sinnvoll – was ein sicheres Zeichen ist, dass sie kommen wird.

Es kommt halt meiner Meinung nach im Wesentlichen darauf an, was Perform will und wenn sublizenziert wird, wie es gemacht wird. Gerade zum Marktstart wäre es günstige Werbung, wenn auf diversen Sendern (Sportdigital, Sport1+) Spiele zu sehen wären mit einem Titelsponsoring des Perform-Angebots. Wir in unserer “Blase” wissen schon davon, dass dieses Angebot kommt und wir werden das beobachten. Aber in der breiten Masse ist das mangels 1A-Recht, das Perform fehlt, nicht angekommen. Wenn man – außerhalb der interessierten Masse – fragt, weiß vermutlich gerade mal ein Handvoll Leute, dass Sky die Premier League-Rechte verloren hat.

Aber das ist natürlich auch die Hauptzielgruppe, wenn man aber in die sechsstellige Abozahl kommen will, muss man auch dort Leute abgreifen. Vielleicht macht Perform auch nur eine einjährige Sublizenzierungsphase und nutzt dann die Exklusivität aus.

Frage: Wird Perform um die Bundesliga bieten und wenn ja, welches Paket?
Eigentlich hätte ich gesagt: Ja, aber sie haben keine Chance. Jetzt muss man festhalten: Wenn man sich die Eigentümerstruktur von Perform anschaut und sich überlegt, was die damit anstellen wollen, rechne ich mit einem konkurrenzfähigen Angebot für die Spiele der 2. Liga. 1. Liga ist der DFL meiner Meinung nach derzeit zu heikel. Nächste Rechteperiode vielleicht. Außer Perform ist mit Constantin “im Bett”. Das würde die ganze Sache nochmals verkomplizieren.
Perform und Constantin… ich kann mir vorstellen, dass es ein sehr “Stachelschweiniges” Verhältnis ist, getrieben von einem gewissen Nutzwert. Aber ich glaube gleichzeitig, dass eine Kooperation ihre Grenzen haben wird. Man darf nicht vergessen, dass beide Konzerne im Bereich Website/Online direkte Konkurrenten sind (spox.com/goal.com vs sport1.de). Daher sehe ich nur Kooperation auf einem niedrigen Niveau… oder Perform übernimmt den SPORT1-Bereich des Sportsegmentes von Constantin Medien gleich komplett.

Was die DFL-Rechte angeht: ich glaube selbst für ein Zweitliga-Paket ist Perform der DFL noch nicht etabliert genug.

Ich würde eher auf das Paket der Bundesliga-Highlight-Zusammenfassungen gucken – was dem Axel Springer-Verlag einige Schweißperlen auf die Stirn bringen dürfte. Ich habe zwar nicht das Gefühl, dass die Bundesliga beim Axel Springer Verlag der große Kassenschlager war, aber strategisch wurde es immer als essentieller Bestandteil für das Geschäftsmodell von “BILD Plus” und anderen Bezahlinhalten des ASVs präsentiert.

Das wäre gut möglich. Damit könnte man – mit wenig Risiko und relativ geringem Invest – mit der Bundesliga werben und hätte nicht die Verantwortung, Übertragungen mit sechsstelligen Abrufen live zu wuppen.

Da Perform die “nationale Seite” des Sports im Moment noch fehlt, wäre das tatsächlich denkbar.

Frage: Wie hoch ist inzwischen die Relevanz von Sport-Streams aus Sicht von Medienunternehmen und Konsumenten?
Es kommt auf die Sportart an. Streams haben einen großen Vorteil: Man kann auch kleinere Zielgruppen genau adressieren, ihnen das bieten, was finanzierbar ist. Bestes Beispiel eben US-Sport. Hat seit Jahr und Tag eine sehr loyale Fangemeinde, aber über die kritische Masse – so dass es sich für das TV richtig lohnt – kommt nur Football und mit Abstrichen die NBA heraus.

Gleichwohl ist der US-Sport-Fan entsprechend anspruchsvoll, was durch ESPN America und die jeweiligen Streamangebote noch gefördert wurde. Das kann auch in die andere Richtung losgehen, wie wir bei der NFL auf ProSieben Maxx beobachten können. Top-Quoten, aber im Kern der Fangemeinde rumort es. Diese Fangemeinde ist ESPN America und Gamepass gewohnt und wird sich niemals nicht mit Frank Buschmann arrangieren können. Das hat auch nix mit dem Argument zu tun, dass es “gut für die Verbreitung des Sports” ist – das ist denen egal, denn dank Gamepass geht es ja auch ohne.

Im Gegenzug machen es Streamangebote dann den TV-Sendern noch in anderer Hinsicht schwer, ein darstellbares Angebot zu schaffen (der berühmte “Business Case”). Siehe NBA League Pass, der jegliches Investment in Deutschland in eine gute Übertragung mindestens erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Gleiches galt bisher mit Laola1 und der Primera Divison.

International relevante Sportarten werden daher im Streamangebot derart gut abgebildet, dass die Denkweise der (Pay-)Sender von früher nicht mehr geht: “Nehmen wir halt so nebenbei mit” ist nicht mehr drin, weil der Fan sich sein Angebot dann woanders sucht.

Anders sieht es bei Sportarten mit wenig Aufmerksamkeit aus, besonders im nationalen Bereich. Die sind froh über jeden Zuschauer, da sind Streams tatsächlich die einzige Möglichkeit hierzu.

Für die Konsumenten bedeutet die Sport-Stream-Landschaft ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es ein Schlaraffenland. Wer hätte vor 15-20 Jahren gedacht, dass wir fast jedes noch so blödsinnige Spiel einer wie auch immer gearteten Liga legal und stabil in guter Qualität sehen können? Alle NFL-Spiele? Früher ein Traum. Heute Realität.
Andererseits ist es ein sehr teures Schlaraffenland. Wer breit gefächerte Interessen hat, wird mehrfach zur Kasse gebeten. Früher gab es den Gemischtwarenladen, mit seinem Abo hatte man von allem ein wenig, aber halt nicht alles. Es ist wie im Einzelhandel. Der Tante-Emma-Laden stirbt aus.

Ich habe das Gefühl, dass die Argumentation mit dem “Business Case” (SKY bietet um NBA und NFL nicht mehr mit, weil NBA League Pass und NFL Gamepass in Deutschland so populär sind, dass nicht mehr ausreichend Zuschauer für das Pay-TV anzulocken sind) eine Ausrede ist.

U.a. Großbritannien zeigt, dass sich z.B. die NFL auf Black Out-Deals einlässt (und es würde mich nicht überraschen, wenn Perform bei NFL und/oder NBA da vielleicht auch was hat einbauen lassen…). Spiele die auf dem britischen Sky zu sehen sind, werden nicht live im Gamepass angeboten. Mir hat noch kein SKY-Verantwortlicher erklären können, warum die American Football-Begeisterung in Deutschland (seit Mitte der 90er Jahre durch Bundesliga und World League/NFLE etabliert & bekannt) so viel schlechter abzugreifen sein soll, wie die Football-Begeisterung in Großbritannien. Und für mich sind die Quoten, die ProSieben MAXX mit der NFL quasi auf Anhieb erreichen (im Schnitt 3–4% in der Zielgruppe), ein Beleg dafür, dass SKY Deutschland sich einmal mehr kolossal verschätzt hat.

Bei aller Kritik die man formal und inhaltlich an P7MAXX und seinem “Buschmann über alles”-Handling haben kann: was die Übertragungen für P7MAXX auch als Marke und für die ran.de-Website machen, dürfte den P7S1-Verantwortlichen Tränen in die Augen treiben und ist eine brutal vermasselte Chance von SKY – auch im Kontext eines NFL-Spiels in Deutschland vielleicht 2017.

Sky UK hat den großen Vorteil der Sprache. Man hat keinen Bedarf an eigenen Kommentatoren, sondern übernimmt den World Feed. Zudem bietet sich ein ganz anderes Reservoir an Experten. Das ist in Deutschland schon besser geworden, aber kein Vergleich natürlich zu englischen Muttersprachlern.

Das für Kommentartoren gesparte Geld steckt man dann in die Studiosendung, was die ganze Laube schon zehnmal wertiger macht – siehe ProSieben Maxx.

Den Quotenerfolg von ProSieben Maxx muss man natürlich in Relation setzen. Im Pay TV wäre das etwas marginaler ausgefallen, aber bestimmt im messbaren Bereich.

Eine vermasselte Chance? Mit Sicherheit. Ich befürchte, man hat Perform und ProSiebenSat1 hier unterschätzt und ging davon aus, dass SPORT1 US keine Probleme haben wird, die Rechte zu verlängern. Dumm gelaufen, und zwar richtig.

Bei der Blackout-Problematik sorgt man natürlich immer auch gerne für etwas Unmut bei den Fans. Aber gut, das wäre dann ein notwendiges Übel.

Frage: Wie werden Streams bzw. OTT-Angebote die Landschaft des Sports und der Sportmedien verändern?
Sie haben es schon. Für Generalisten, wie es Sky z.B. ist, wird es immer schwerer, attraktive Pakete zu schnüren, die zum einen den “Hardcore-Fan” ansprechen, andererseits aber auch die breite Masse interessieren und finanzierbar bleiben.

Positiv ist aber auf jeden Fall die Auswirkung auf die journalistischen Ansprüche der Zuschauer. Auch hier das Beispiel NFL und ESPN America. Der Fan will ein zumindest ebenbürtiges Angebot von deutschen Sendern. Die Variante mit einem Kommentator im Container über dem World Feed und Standbild in Werbepausen ist mittelfristig nicht mehr zu vermitteln, will man nicht den eingefleischten Fan vergraulen.

Ich bin gespannt, inwieweit die Entwicklung letztendlich zu einem weiteren Sterben von Sportarten und Ligen und Klubs führen wird. Ich glaube, dass die Streams die Kluft zwischen populären Sportarten, -ligen und -klubs noch stärker vergrößern wird, weil sich der Konsum stärker auf bestimmte Spiele fokussieren wird. Für Sender und Ligen entfällt die Möglichkeit über Vor- oder Nachberichte oder über Audience-Flow (der Zuschauer bleibt nach Spielende zufällig noch im Programm hängen und fängt an, sich für das nachfolgende Spiel zu interessieren) Zuschauer zu schwächeren Übertragungen rüberzuschieben.

So fantastisch das Angebot das Angebot von Telekom Basketball ist: ich vermisse eine inhaltliche Klammer, die für einen kompletten Spieltag oder eine komplette Tip-Off-Zeit gilt. So schalte ich nach Ulm – Oldenburg ab, obwohl das nachfolgende Spiel von Phoenix Hagen aus bestimmten Gründen eigentlich auch völlig sehenswert wäre. Es fehlt so eine Art Konstrukt “wir machen die ersten zehn Minuten identische Vorberichte auf allen Einzelspiel-Optionen und dann die zehn Minuten vor Tip-Off getrennte Vorberichte für jede Einzeloption”

Es wird in einem Stream kein Zapping geben. Es wird keine zufälligen Entdeckungen mehr geben. Letzte Hoffnung “Algorithmus” der einem eine Art “Sport-Playlist” aus seinen Vorlieben automatisch erstellt? Sorry, aber ich kenne solche Algorithmen seit Mitte der 90er Jahre (z.B. “Firefly”) und nicht einer dieser Algorithmen kommt qualitativ an das heran, was mir ein guter DJ an guter Musik vorschlagen kann.

Ich glaube viele Sportligen und Sender haben noch gar nicht gemerkt, wie sehr Streams ein zweischneidiges Schwert darstellen werden.

Ja, das vermisse ich bei Telekom Basketball auch. Und ich befürchte, Perform wird es nicht anders machen. Weil es zusätzlicher Aufwand bedeutet.

Wie wäre es etwa mit einem linearen Hauptkanal, von dem man dann auf die Einzelspiele verweist? Bei Perform könnte man da etwa das alte “Die Premiere Euroliga”-Konzept mit Ligaübergreifenden Konferenzen aus dem Keller holen. Dazwischen dann – wenn kein Liveprogramm da ist – Dokus und Highlights.

So ein Hype, wie er sich etwa um die Darts-WM entwickelt hat, wäre im Streambereich ohne lineare Auswertung niemals möglich gewesen.

Dass man es auch anders machen kann, zeigt das WWE Network. Die bieten neben On Demand eben auch einen 24/7-Sender an, der linear die Leute mitnimmt und von Show zu Show zieht.

Das sollte im Sport mit Live-Sendungen das Vorbild sein – nicht Netflix.

Frage: Wie gut ist SKY auf die Entwicklungen des Stream-Bereiches aufgestellt?
Eine hervorragende Frage. Grundsätzlich muss man sagen, dass trotz aller Aussetzer in Spitzenzeiten Sky wohl – mit Ausnahme von Google – die stabilste Infrastruktur der Marktteilnehmer hat. Wer ein exklusives CL-Halbfinale mit Beteiligung von Bayern München schafft, den haut nichts um. Maxdome bzw. ran FIGHTING hatten ja zum Teil schon Probleme mit fünfstelligen Nutzerzahlen. Von dem regelmäßigen Ruckelfestival bei Laola1 mit Namen “Clasico” ganz zu schweigen.

Auch mit der Handball-CL fährt man erstmalig Stream-Exklusive Angebote. Das ist genau der Punkt, an dem Sky nun ansetzen muss.

Die Konkurrenz und Inspiration heißt hier Telekom Basketball. Über die HBL werden wir an anderer Stelle reden, die DEL ist auch so ein Thema: Wie haue ich die Verantwortlichen dieser Ligen aus den Socken? Mit einem Angebot, wie es Telekom Basketball für die BBL geschustert hat PLUS mehr Geld PLUS Übertragungen im klassischen Pay-TV. Sky muss – wie im Serienbereich, wo man Premieren kurz nach US-Start im englischen Original im Stream zeigt – ebenfalls im Sportbereich “outside the box”, hier wortwörtlich, denken. Sky Go bzw. Sky On Demand dürfen nicht nur Beiboote zum klassischen TV-Programm sein, sondern eine Ergänzung. Bei Fox Soccer in den USA gibt es auch Spiele, die es nicht auf die TV-Sender geschafft haben, als (kostenpflichtigen) Stream.

Und mit Sky Online hat man dann auch ein Instrument, um den Ligen ein Stand-Alone-Angebot a la Gamepass zu bieten.

Ich grätsche da mal an zwei Punkten dazwischen. Zum einen halte ich den Kreis der “Marktteilnehmer” für zu eng gefasst. Die US-Ligen machen es vor wie stabile Plattformen gehen – einige bedienen sich u.a. der Infrastruktur von Neulion, die z.B. mit der Euroleague auch auf dem europäischen Markt tätig sind, wie auch ihr Euroleague-Vorgänger Perform mit livebasketball.tv hierzulande unterwegs war.

Zum anderen ist Stabilität/Bildqualität nur eine Komponente. Für essentiell halte ich die Verbreitung auf den unterschiedlichsten Device und eine nutzerfreundliche Software.

Genau an dem Punkt bin ich mir nicht sicher, inwieweit SKY wirklich gut aufgestellt ist. Die Unterstützung von Android-Devices wurde mit jahrelanger Verspätung nachgeliefert und ist immer noch spärlich. Im Desktop-Browser funktioniert das Streaming über das scheintote Silverlight-Plug-In. Gleichzeitig ist der Browser die einzige Plattform mit dem kompletten Stream-Angebot. Auf den Mobile-Devices und den Videokonsolen werden keine Sportübertragungen on-demand angeboten. XBox One und Playstation 4 haben mutmaßlich das erste Drittel oder die erste Hälfte ihres Produktzyklus hinter sich – aber immer noch kein SKY Go-App. Dafür aber Stream-Apps von Perform.

Was die stream-exklusiven Übertragungen von SKY in der Handball-CL angeht: es handelt sich dabei um einen eingebetteten Player von Laola1.tv/ehfTV.com und wirkt nicht wie ein bewusst vermarktetes Angebot, sondern eher wie dahingeschmissen, weil man nicht wusste, wie man diesen externen Stream ansonsten hinter einer Pay-Wall einbinden könnte. So ähnlich fühlen sich auch die Bonus-Streams beim Golf an. Man hat es halt, weiß nicht wohin damit, also wird es irgendwo ins CMS reingeschmissen.

Selbst auf den Gebieten, wo SKY als Größe etabliert ist, der Champions League, bleibt SKY weit hinter dem Angebot anderer Anbieter zurück. Schon Sky UK hatte zu seinen CL-Zeiten, seit 2011(!) eine Second-Screen-App, mit der sich live Statistiken, Ticker, minutenaktuelle Highlight-Schnippsel und unterschiedliche Kameraperspektiven abrufen ließen (Diva von Deltatre).

Einen kleinen Verwandten dieser App gibt es… beim ZDF.

Man bleibt mehr oder weniger fassungslos zurück, wenn man sich per Google anschaut, welche Bemühungen BSkyB im Sportbereich im Second Screen reingesteckt hat und was alles bei SKY Deutschland in den letztes Jahren alles nicht passiert ist.

Damit hat SKY eine große Flanke offen gelassen, in die ein Player wie Perform nun 2016 reinstossen kann. Und ich sehe keine Indizien das SKY Deutschland in der Lage ist, kurzfristig zwei–drei Gänge hochzuschalten. Dazu haben sich bei SKY im Bereich der Apps und Websites und Receiver zu viele Baustellen angesammelt.

Ich gebe zu, ich habe bei den relevanten Playern nur die beachtet, die eigenständig ein Angebot auf die Beine stellen könnten – Neulion und auch MLB AM, die beide mit Sicherheit in der Lage sind, binnen weniger Monate ein Bundesliga-Angebot per Stream zu stellen, hatte ich als reine Dienstleister außen vor gelassen.

Silverlight bei Sky Go ist ein Auslaufmodell, nicht umsonst gibt es in manchen Konstellationen bereits jetzt in einer Art public beta die Ausspielung in HTML5. Die nicht vorhandenen PS4- und Xbox One-Apps kann ich mir eigentlich nur mit einem “nicht wollen” statt “nicht können” erklären. Sky Online gibt es ja z.B. auf der Xbox One. Meine Vermutung ist, dass man derzeit nicht hiermit das Zweitkartenangebot kannibalisieren will.

Den Stillstand bei Sky kann man leicht mit der Fokussierung auf Squeeze Out und Delisting begründen. Es ist für den Außenstehenden kaum vorstellbar, wie sehr der ganze Laden auf die Übernahme durch BSkyB und die darauf folgenden Konsequenzen ausgerichtet war und welche Ressourcen das gebunden hat. Zu der notwendigen Beschäftigung mit den direkt hieraus folgenden Themen kommt auch ein gewisses “Hauen und Stechen”, weil sich jeder in dem neuen Unternehmen erst positionieren will bzw. muss und sich seine Macht erhalten bzw, aufbauen muss. Das bindet Kraft, die dann für andere Projekte fehlt.

Hinzu kommt das – meiner Meinung nach direkt hieraus resultierende – Ausscheiden von Brian Sullivan. Die Einarbeitungszeit von Carsten Schmidt hierbei war dann auch wieder “verlorene Zeit”.

Was man auch oft nicht bedenkt, ist, dass erst jetzt mit vollständiger Übernahme durch BSkyB der gegenseitige Austausch von Entwicklungen deutlich einfacher geworden ist. Vorher hatte man zwar geschäftliche Verbindungen, aber den “kurzen Dienstweg” gab es nicht. Auch für sowas sprechen wir also von mindestens einem weiteren Übergangsjahr 2016, bis das sich alles eingespielt hat. Bestes Beispiel die neue Boxengeneration “Sky Q”. Kommt eben nicht Day and Date auch hier und in Italien (was auch aus Hardware-Verfügbarkeits-Gründen nicht ginge), sondern erst im weiteren Verlauf, vielleicht sogar erst 2017 nach Deutschland.

Der Sky-Konzern ist relativ groß und noch nicht voll integriert. Das ist nicht wie bei Netflix, dass man auf das Knöpfchen drückt und eine Innovation wird in allen Märkten zeitgleich ausgerollt.

Dass die Präsentation der exklusiven Sky-Streams grenzwertig ist, ist klar. Dafür sind es vermutlich auch noch zu wenige. Der Kunde erwartet es auch noch zu wenig. Das ist ein klassisches Henne-Ei-Problem. Sky fährt die exklusiven Streams zu wenig, weshalb der Kunde es nicht erwartet, weshalb es sich für Sky nicht lohnt, dies auszubauen.


Morgen gibt es den zweiten Teil des Gesprächs – dann wird der der hier eingeleitete Schwerpunkt SKY fortgesetzt.

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